Buchbesprechung: Wolf-Dieter Storl: Mit Pflanzen verbunden.

Aus dem Leben eines promovierten Waldschrats.

Goldrute (Solidago)

Goldrute (Solidago). Storl sagt, die Pflanze, wenn einem etwas an die Nieren geht.

Ich habe das Buch gelesen, nein! Verschlungen. Es liest sich wie ein spannender Roman. Und es hat mich tief berührt. Innerhalb weniger Tage hat es mein Naturverständnis umgekrempelt. Ich bin beeindruckt! Und das, obwohl ich lange gezögert habe, ob ich dieses Buch lesen soll. Solche Bücher finde ich meistens irgendwie langweilig, höchstens für eine gezielt gesuchte Information interessant.

Um was geht es in dem Buch? Vereinfacht gesagt, um Pflanzen und ihre heilende Wirkung auf Mensch und Umwelt, basierend auf eigenen Erfahrungen Storls sowie kulturhistorischen und völkerkundlichen Erkenntnissen.

Anfangs klärt Storl über sein Verhältnis zu Pflanzen als „Verbündete“ auf. Ist der Menschen geistig und seelisch aus dem „Gleichgewicht gefallen“ und wird er krank, so bieten sich Pflanzen als Verbündete an. Damit leitet Storl zu verschiedenen Pflanzen über, auf deren Wirkungen er nur kurz eingeht. Dabei beziehen sich die Wirkungen nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf die Umwelt.

Im zweiten Teil stellt Storl zehn Pflanzen ausführlich in einem Pflanzenporträt vor: Beinwell, Engelwurz, Goldrute, Huflattich, Karde, Beifuß, Tollkirsche, Schafgarbe und Hanf. Zunächst geht er auf seine eigenen Erfahrungen mit der Wirkung von Pflanzen ein. Er wäre kein Ethnologe, wenn er nicht alles an sich selber ausprobieren würde. So berichtet er über sein gebrochenes Schlüsselbein und darüber, wie er ohne Operation aus dem Krankenhaus floh, sich erfolgreich mit Beinwell behandelte. Und auch über die Ausheilung seiner Borreliose lässt er sich aus. Weiter geht er darauf ein, wie er genau die Pflanzen findet, die er jetzt braucht, wie sich ihm diese zeigen. Aus seinem Mund klingt es ganz natürlich, wenn er sagt, dass ihn die Pflanzen finden, wenn er sie gerade braucht.

In den Porträts stellt er außerdem Fakten und ethnobotanische Aspekte dar: welche Namen die Pflanze in anderen Gegenden und Kulturen hat und warum sie so heißt, botanische Merkmale, Planetarische Zugehörigkeit, Signatur (z. B. blüht die Karde ringförmig von innen nach außen, was schon auf die Anwendung hinweist), Inhaltsstoffe, Heilwirkungen und Zubereitung.

Am Ende des Buches geht er noch auf die Besiedelung Europas mit Pflanzen seit der Eiszeit ein. Und wirft einen gänzlich anderen Blick auf sogenannte invasive Neophyten. Er meint, dass die Pflanzen wissen, wann und wo das Ökosystem oder die Menschen Hilfe brauchen und sich dann auf den Weg machen, um zu helfen. So dient der japanische Staudenknöterich dazu, mit Chemikalien oder Schwermetallen verseuchte Böden zu sanieren. Oder vom Indischen Springkraut meint er, dass die heutige Form der Landwirtschaft mit ihren chemischen Keulen oder der Monokultur die Nahrungsgrundlage vieler Insekten zerstört hat. Das Springkraut hat das Leiden der hungrigen Insekten gehört und ist gekommen, um bis in den Herbst hinein Nektar zu liefern. Um Entfernungen zu überwinden, bedienen sich die Pflanzen dabei der Hilfe von Menschen, Tieren oder der Natur.

Fazit: Storl versteht sich als Teil der Natur, hat wohl auch kulturelle und ethnobotanische Aspekte anderer Völker in sein Leben eingebaut, steht mit den Pflanzen im Dialog, wodurch sein Freund schon mal Angst um ihn bekam. Und trotzdem wirkt Storl bodenständig. Vernünftig. Authentisch. Was er sagt ist glaubhafte Tatsache. Wenn Storl schreibt, dass er mit dem Pflanzengeist spricht, so hört sich das sachlich an. Man kauft es ihm ab. Es klingt so selbstverständlich, wie wenn andere Menschen sagen würden: „Ich spreche mit der besten Freundin“. Und das Wichtigste: Man erfährt viel über die mögliche Wirkung von Pflanzen.

Dieses Buch hat mir den Zugang zu Wolf-Dieter Storl und seinem Naturverständnis verschafft. Einem Naturverständnis, das mich auf Anhieb überzeugt. Wahrscheinlich wirkt Storl auf mich so glaubhaft, weil er einen wissenschaftlichen Hintergrund hat, bei ihm alles so vernünftig und gut nachvollziehbar klingt. Ich scharre schon mit den Füßen, um mir das nächste Buch von ihm zu holen.

Wolf-Dieter Storl ist promovierter Kulturanthropologe und Ethnologe, verbrachte einen Großteil seiner Kindheit in den USA, hatte dort ein Intermezzo als Dozent an Unis, betrieb Feldforschung bei Indianern, Schamanen und anderen Völkern und lebt zwischenzeitlich auf einem Bauernhof im Allgäu. Jetzt macht er das, was ihm offensichtlich Freude macht: sich mit Pflanzen beschäftigen, Bücher schreiben und Vorträge und Seminare halten.

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Bücher abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.